Gedanken zum ,,Kuratorium Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch"

Am Beginn einer Initiative stehen natürlich meist einige unbeantwortete Fragen. Eine sehr wichtige lautet sicher: Werden wir Erfolg haben? Und Erfolg wiederum ist unmittelbar damit verknüpft, was eine Vereinigung von Menschen überhaupt als ihr Ziel ansehen will und ob es gelingt, noch viele andere Menschen zu gewinnen, damit wir dann gemeinsam eine Idee umsetzen und eine Aufgabe verwirklichen können.

Gründung des Kuratoriums 1998

Nun, der Vereinszweck ist satzungsgemäß eindeutig definiert: Das kulturelle Erbe und die Bedeutung des Klosters Lorsch als einer der religiösen, politischen und kulturellen Mittelpunkte früher deutscher Geschichte in angemessener Form zu pflegen und die wissenschaftliche Arbeit am Museumszentrum in Lorsch zu unterstützen. Dabei gilt es, die zentrale Bedeutung des Klosters als Kultur- und Geisteszentrum des Frankenreiches deutlich zu machen.

Was ist es denn, was Zeitgenossen, die an der Wende zum dritten Jahrtausend leben, an fränkischer Geschichte der Merowinger und Karolinger und am Kloster fasziniert, heute, nach weit über tausend Jahren?  

Es wäre sicher unredlich, wenn man am Anfang einer Initiative schon so tut, als wüßte man fast alles, was die Menschen, die man zu erreichen versucht, denken und wollen. Da ist es sicher angemessen, daß zunächst die eigenen Vorstellungen und Gedanken dargelegt werden. Bei mir persönlich hat das Interesse am Kloster Lorsch zuerst einmal etwas mit sehr konkreter sinnlicher Erfahrung zu tun. An einem Sommerabend in einem Café auf dem Benediktinerplatz zu sitzen, den Blick schweifen zu lassen von der zarten filigranen Struktur der ,,Königshalle", die im Schein der untergehenden Sonne leuchtet, auf den die andere Seite begrenzenden, würdigen Zweckbau des alten Rathauses aus dem frühen 18. Jahrhundert - diese architektonischen Pole machen auf einzigartige Weise auch den Spannungsbogen der abgelaufenen Zeit in ästhetischen Kategorien anschaulich. Es ist schon so - für mich hat dieser Ort in diesen Stunden beinahe etwas Magisches. 

Und bei einer solchen Betrachtung setzt dann nach dem Staunen auch Reflexion ein. Bei analytischer Sicht ist klar erkennbar: dieses einmalige Bauwerk verweist in seiner Formensprache in die antike Vergangenheit. Im Kunstführer liest es sich dann so: Die karolingische Renaissance steht ganz im Banne römischer Tradition, die Formen verweisen auf die spätrömische Architektur.  

Dies kommt sicher nicht von ungefähr, sondern ist auch sichtbarer Ausdruck eines geistigen und geschichtlichen Prozesses in jener Schwellenzeit. An dieser ganz besonderen Architektur wird auch nach außen sichtbar, was sich geschichtlich durch die Franken vollzogen hat. Die Franken haben den kulturellen und zivilisatorischen Brückenschlag zwischen zwei großen Epochen vollzogen, sie waren es, die einen dauerhaften Transfer zwischen der Antike und dem Mittelalter geleistet haben. Ohne sie hätte die uns schriftlich überlieferte antike Literatur, Kultur und Zivilisation wohl kaum erreicht. Das Reich der Franken von den Pyrenäen bis Friesland und vom Atlantik bis zum Main umfaßte sowohl romanisierte wie auch germanische Gebiete und mußte viele Völkerschaften integrieren. Es hat sich trotzdem eine fränkische Reichsidentität herausgebildet, in der die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammenleben konnten, ohne auf ihre Eigenheiten zu verzichten.  

Und in diesem Zusammenhang kommt gerade dem Kloster Lorsch und seiner Klosterbibliothek in identitätsstiftender Weise eine ganz überragende Bedeutung zu. Denn hier wurde antike Dichtung und Wissen verarbeitet und weitergegeben und so die Vermittlung zwischen der späten Antike und dem beginnenden Mittelalter hergestellt. Aber nicht nur auf dem kulturellen Sektor kam dem Kloster eine überragende Bedeutung zu, auch aus dem Wirtschaftsleben der Region war es nicht hinweg zu denken, es war Handelsplatz sowohl für Nahrungsmittel als auch für handwerkliche Erzeugnisse. Dieser kulturellen und zivilisatorischen Leistung des Mönchtums im Kloster Lorsch unter dem Gebot des ora et labora (bete und arbeite) schulden wir höchste Bewunderung. Durch ihre Hingabe an die Welt des Geistes und der Arbeit haben die Mönche auch für unsere spätere Kultur unschätzbare Pionierarbeit geleistet. Und so ist das Kloster Lorsch mit seiner Königshalle nicht nur ein kunsthistorisches Phänomen von hohem Rang, sondern es ist auch zu einer Ikone, zu einem Symbol und zu einem Kulminationspunkt für eine abendländische, christlich geprägte Evolution geworden.  

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen die ganze Erde als ihre Heimat betrachten, halte ich es persönlich für sehr wichtig, bedeutenden Dingen, die sozusagen vor der Haustür liegen, die gebührende Beachtung zu schenken. Dies ist deshalb so wichtig, damit nicht vergessen wird, woher man kommt, und welche geistigen Inhalte uns geprägt haben. Es ist mir ein echtes Anliegen, daß das Kuratorium auch jungen Menschen diese Zusammenhänge näher bringt, denn es wäre meines Ermessens viel zu einseitig, nur in kurzfristigen Zeiträumen zu denken und sein Geschichtsbewußtsein nur auf die neuzeitliche Geschichte zu konzentrieren. Durch die Beschäftigung und Aufbereitung dieser geschichtlichen Entwicklung können die jungen Menschen und wir vielleicht erkennen, daß es die Franken waren, die zu den Wegbereitern von Europa wurden und wie leidvoll und schwierig es war, ein so großes Reich zu bilden, zu entwickeln und zu festigen. Und was sicher genau so wesentlich ist, ist die Erkenntnis, daß ohne einen geistigen und kulturellen überbau eine dauerhafte Staatlichkeit überhaupt nicht entstehen und existieren kann. Und möglicherweise bestehen hier auch Analogien zu der Idee und der Verwirklichung eines einheitlichen Europa heute.  

Die Hinwendung zur fernen Historie mag vielleicht manchen Skeptikern als Eskapismus, als Flucht aus der immer schwieriger werdenden Gegenwart erscheinen. Ich denke, in Wirklichkeit ist sie jedoch spannende Spurensuche, ein Graben nach den Wurzeln mit dem Ziel, sich selbst besser zu erkennen und zu verstehen und aus einem aufgeklärten, profunden Selbstverständnis heraus die Kraft zu finden, auch die Zukunft bewußter zu gestalten und zu bewöltigen. Und in diesem Sinne wünsche ich mir, daß unsere Initiative viele interessierte Bürgerinnen und Bürger aus unserer Region erreicht, aber auch überregional wirksam wird, damit wir dieses einzigartige Erbe bewahren und weiter entwickeln. Es ist es jedenfalls wert.  

Lothar Kirchner

 

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