UNESCO-Welterbeidee als Chance für internationale Verständigung

Wir alle sind Erben universaler kultureller Werte

"Welterbestätte" - das sind zunächst drei auf einander bezogene Wörter: Welt, Erbe, Stätte. Aber wie gehören sie zusammen? Ein kleines Puzzle, aus dem ganz schnell ein großes, ein ganz großes werden kann!

"Stätte", das ist zunächst ein Ort. Aber  nicht einfach nur irgendein ein Ort, sondern ein besonderer, weil authentischer Ort. Hier hat sich Geschichte ereignet. Der authentische Ort hat daher eine besondere Aura, die sich natürlich nicht auf Anhieb jedem Menschen, der diesen Ort betritt, von selbst erschließt. Man muss schon etwas wissen, mitbringen, hinschauen, Geduld haben und in jedem Falle irgendetwas tun, damit diese Stätte einem etwas sagt. Etwas tun: mit diesem Ort und mit sich selbst.


"Welt", das ist unser Planet, aber mehr als die "Erde". Welt ist auch ein in sich kohärentes, unendlich vielfätig in sich verflochtenes mehrdimensionales Beziehungsgeflecht von kulturellen Leistungen, deren entscheidende Anliegen die Aneignung der Welt und ihre Deutung darstellen. Das geschieht überall auf diesem Planeten, wo Menschen leben können, und es geschieht, seit es Menschen gibt. "Welt" ist die globale Gemeinschaft aller Menschen und Summe aller ihrer Leistungen. Es ist eine der bedeutenden Leistungen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, diese Weltgemeinschaft definiert und ihr eine Stimme gegeben zu haben.
"Erbe" ist, was von Früheren an uns Heutige weitergegeben wird. Das ist ein gewollter Vorgang, der die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet und dabei keineswegs als linearer Prozess, als Einbahnstraße, sondern eher als Dialog darstellbar ist: Der, der etwas zu vererben hat, will, daß der, der das Erbe antreten soll, sich an ihn erinnert und sein Werk weiterführt. Und der, der das Erbe annimmt, übernimmt es ganz bewußt als einen Wert, der ihn in gewisser Weise bereichert und ihm die Möglichkeit gibt, etwas damit zu machen, seine Zukunft zu gestalten. Wir alle sind Erben universaler kultureller Werte. Auch unsere Identität hat damit zu tun, das, was und wer wir sind. Und dieser Identität kann ich mir eigentlich nur dann wirklich bewußt werden, wenn ich sie von verschiedenen Seiten her, von verschiedenen Standpunkten aus betrachten kann. Dazu ist der interkulturelle Vergleich notwendig. Das ist der berühmte archimedische Punkt, von dem aus scheinbar Unmögliches bewegt werden kann: Ohne ihn wird es keine Kultur des Friedens, keinen Dialog zwischen den Kulturen geben können; ohne ihn bleiben die großen Ziele der Vereinten Nationen leere Worthülsen.

Mehr als nur Denkmalpflege

Die 1972 ins Leben getretene Welterbekonvention der Vereinten Nationen ist eines der bekanntesten und erfolgreichsten weltweiten Programme der Vereinten Nationen, das UNESCO-Welterbe eine globale Marke mit hohem Sympathiewert, eine Idee mit großem Prestige - im Ausland mehr noch als hier bei uns. Entsprechend ist der Welterbestatus nicht nur ein sehr erstrebenswertes Ziel sondern auch eine hochwertige und wichtige Aufgabe. Der Erhalt und die Pflege einer Welterbestätte ist dabei eine Selbstverständlichkeit, zu der sich jeder Signatarstaat ausdrücklich verpflichtet; Erforschung und Vermittlung hingegen rücken nicht selten in die Sphäre freiwilliger und in Zeiten allgemeiner Mittelknappheit oft für entbehrlich gehaltener Leistungen; das ist auch (oder gerade?) in einem reichen Land wie Deutschland leider immer wieder so. Noch weiter weg von den eigentlichen Kernaufgaben des Besitzers einer Welterbestätte sind dann die eher ideellen Projekte, die der Bewußtmachung der Welterbeidee, der pragmatischen Konkretisierung dieser Idee dienen. Hier eröffnet sich dem privaten und ehrenamtlichen Tun ein weites und spannendes Feld, hier sollte aber auch immer noch eine Schnittstelle mit dem Staat oder der Kommune vorhanden sein - public-private-partnership eben.

Wozu ein Klosternetzwerk?

An dieser Schnittstelle sind in Lorsch viele spannende Initiativen entstanden - die Idee zu einem nationalen, dem Welterbegedanken gewidmeten Thementag, der seit 2005 an jedem ersten Sonntag im Juni stattfindet. Und eben auch das Kloster-Netzwerk, das alle zwei Jahre einen neuen Partner aufnehmen wird. Die Idee ist eigentlich ganz naheliegend: Fast jede Weltreligion hat Klöster oder auch vergleichbare religiöse Lebensgemeinschaften hervorgebracht und überall, wo es Klöster gibt, sind die Parallelen auffällig: Askese und Weltabgewandtheit auf der einen Seite, kulturelle Leistungen auf der anderen. Klöster als (zeitweise) Fakoren der Politik und Klöster als Gestalter von Landschaft und Wirtschaftsräumen. Es gibt außerdem ein unübersehbares Verhältnis klösterlicher Kultur zur Schriftlichkeit und Schriftlichkeit ist die Voraussetzung für die Bildung von kollektivem Gedächtnis und des Bewußtseins von Geschichtlichkeit. Klöster sind Zentren der Innovation, der Verdichtung und der Vermittlung von Wissen. Klöster sind Werte-Reservoirs und damit gerade für den heutigen Menschen Orte zum Innehalten, zur Besinnung auf sich selbst und seine Umwelt, des überdenkens eigener Prioritäten.
Das Verbindende an dem im Aufbau befindlichen Klosternetzwerk ist zunächst der UNESCO-Welterbestatus, der sich zumeist auf ein Bauwerk oder ein bauliches Ensamble bezieht. Weiterhin sollen die Klöster unseres Netzwerks aktive Klöster sein - es sollte also noch Nonnen, Mönche oder Geistliche dort geben. Drittens wird erwartet, daß die Netzwerk-Klöster im Kontext ihrer jeweiligen nationalen Kulturen eine exponierte Rolle spielten oder immer noch spielen. Viertens ist es wichtig, daß die Partnerklöster ein einigermaßen engagiertes Site-Management vor Ort haben; das ist sehr wichtig für die spätere Kommunikation. Und fünftens: Die im Klosternetzwerk zusammengeschlossenen Klöster sind gewissermaßen Eingangsportale zu ihren jeweiligen Kulturen; dieser Aspekt ist noch eher eine Art Vision, auf die sich unsere Partner noch einlassen müssen. Im idealen Fall bilden sich um die einzelnen Mitglieder unseres Netzwerkes weitere regionale Netze, die durchaus auch wirtschaftliche, humanitäre oder touristische Komponenten haben können. Deshalb ist die Vereinbarung, die jedesmal geschlossen wird, kein Regelwerk mit detailliert festgeschriebenen Zielen und Programmen, sondern die Einladung zu einem nach allen Seiten offenen Entwicklungsprozess: So hat sich in der Kooperation mit dem Kloster Geghard die Musik als zentrales Thema erwiesen, mit Haein-sa verbindet uns ein gemeinsames Interesse an Vermittlungsfragen und in Müstair können alle Partner von einer vorbildlichen Denkmalpflege sehr viel lernen.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass Lorsch selbst eines der zentralen Postulate nicht zu erfüllen vermag: Hier leben seit 1557 keine Mönche mehr. Aber Lorsch ist in diesem Netzwerk gerade zur Zeit des Aufbaus eher so etwas wie ein Moderator, ein Kommunikator, ein Initiator jenseits des vielleicht sonst denkbaren Verdachts, in irgendeiner Weise religiöse Einflüsse ausüben zu wollen. Für die Zukunft wird es von ausschlaggebender Bedeutung sein, inwieweit es gelingen kann, die Klöster untereinander ins Gespräch und in Beziehung zu bringen; noch ist Lorsch eine Art Medium - die "Spinne im Netz" gewissermaßen.

Und für wen soll dieses Netzwerk von Nutzen sein? Zunächst einmal für die Welterbestätten selbst: für die Bestimmung ihrer Position im eigenen, nationalen Kontext, als Reservoir an Erfahrungen und Ideen im Umgang mit Denkmal, Öffentlichkeit und Nutzung, als Verbündete, wenn es darum geht, die eigene gesellschaftliche Relevanz auszubauen. Dann aber natürlich auch für jeden interessierten Menschen, dem sich durch dieses Netzwerk besondere Wege zu den verschiedenen Kulturen angeboten werden, nach Möglichkeit auch direkte, persönliche Begegnungen. Gerade für die Welterbearbeit mit jungen Menschen ist das ein ganz zentraler Aspekt: damit die großen Themen unserer Zeit wie der "Dialog zwischen den Kulturen" oder das Ziel einer "Kultur des Friedens" eben keine Worthülsen sind, sondern eine Chance haben, konkret zu werden und für jeden Einzelnen von uns wirkliche Betätigungsfelder zu eröffnen.

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