Das Felsenkloster Geghard und sein Chor - ein Reisebericht

Der Bus braucht recht lange von der Hauptstadt Eriwan in die Gebirgslandschaft des Klosters Geghard. Manchmal muss er im Schritttempo fahren wegen einiger Erdrutsche. Nach Verlassen der Stadt schlängelt sich die Straße durch eine kahle braune Hügellandschaft. In der Ferne schneebe­deckte Berge. Steinerne Kargheit. Sonnenverbrannte Erde. Am Straßenrand rot leuchtende Früchte auf Bäumen und Sträuchern. Schafherden auf den mühsam bewässerten Feldern, Kühe und Schweine auf den Dorfstraßen. Dunkle, vernarbte Männergesichter, alte Frauen in schwarzen Kitteln. Sie verkaufen an der Straße Weintrauben, Feigen, Nüsse, Eingemachtes in Gläsern.

Die Dörfer wirken wie Oasen in diesem Land der Steine, sind schon von weitem  an den hohen Pappeln auszumachen. In ihrer Mitte immer wieder graue alte Kirchen mit ihrer Aura mystischer Ruhe. Und  die Kreuzsteine, Zeugen der christlichen Tradition Armeniens, die bis ins vierte Jahr­hundert zurückreicht. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein.

Über allem, über der Landschaft und den Menschen, der Berg Ararat. Schneebedeckt auch er. Ein erhabener Gipfel. Der armenischen Überlieferung nach ist dieser Berg mit der Erinnerung an die Arche Noah ver­bunden. Außerdem soll Noah an seinen Hängen die ersten Weintrauben gepflanzt haben. Die Armenier verstehen die Arche Noah auf ihrem heiligen Berg als ein historisches Faktum, als Aus­gangspunkt der Geschichte ihres Volkes.

Nach etwa einer Stunde Fahrt nähert sich der Bus dem Talende einer Schlucht. Im vulkanischen Gestein sind zahlreiche Höhlen zu erkennen. Die armenische Reisebegleiterin  informiert die Reise­gruppe darüber, dass der Legende nach der Heilige Grigor der Erleuchter zu Beginn des vierten Jahrhunderts das  Kloster Geghard gegründet hat. Bereits der Apostel Thaddäus habe die heilige Lanze, mit der Jesus Christus am Kreuz durchbohrt wurde, nach Armenien ge­bracht und hier im Höhlenkloster sei sie als wertvolle Reliquie aufbewahrt worden.

 

Vom Parkplatz führt ein kleiner Anstieg hoch zum Kloster, dessen graue Gebäude sich ganz harmonisch in die Felsenlandschaft einfügen. Ein Wunschbaum mit bunten Taschentüchern , alle­samt Glücksbringer nach den Vorstellungen der Armenier, steht am Weg, wo fahrende Händler und Musikanten mit volkstümlichen Instrumenten an Sonntagen die Ankommenden, einheimische Kirchgänger, Pilger und einige wenige Touristen empfangen. Geghard ist, wie wir erfahren, der beliebteste Wallfahrtsort des Landes.

 

Die Klosteranlage ist von einer hohen Befestigungsmauer umge­ben. Hinter den Mauern profane Wirtschaftsgebäude, ein Glockenturm, Mönchszellen, die in die Felsen gehauen sind, und  als Mittelpunkt die Klosterkirche. Im Klosterhof viele Menschen, hier ist das Kloster keine Insel der Ruhe. Die andächtige Stille eines geheiligten Ortes ist erst beim Eintritt in die Klosterkir­che spür­bar. Ein schönes Portal, eine Vorhalle, zwei Felsenkapellen  und der eigentliche Kirchen­raum selbst. Die Vorhalle ist ein hoher Raum mit einer Lichtöffnung im stalaktitenartigen Gewölbe. Aus einer der Felsenkapellen fließt ein Rinnsal, das heilige wundertätige Wasser, das die einheimischen Kirchgänger trinken.

Durch ein weiteres Portal tritt man ein in die  Hauptkirche. Ein typischer Kreuzkuppelbau, der in den dunklen Stein gebaut ist. Licht fällt ein durch ein kleines Rundbogenfenster im oberen Bereich. Die Felsmauern sind geschwärzt von Kerzenrauch. Keine Bilder, kein Schmuck, keine Bänke und Stühle. Die Menschen folgen stehend dem Gottesdienst.  Für die deutsche Besuchergruppe aus dem Partnerkloster Weltkulturerbe Lorsch hat man ausnahmsweise ein paar Stühle herbeigeschafft, da die Messe voraussichtlich länger als zwei Stunden dauern wird.

Es ist als ob der ganze Raum sich verwandle

Eine gedämpfte Stimmung herrscht im Raum. Flüstern, leises Kommen und Gehen. Die Frauen be­decken ihr Haar mit feinen weißen Tüchern. In einer Ecke stehen sieben junge Sängerinnen, die den Gottesdienst  musikalisch gestalten werden, wie man uns gesagt hat. Der Raum ist zweigeteilt: der größere Teil für die Besucher des Sonntagsgottes­dienstes und etwa ein Meter  erhöht der Altarraum. Er ist durch zwei seitliche Treppen vom Kir­chenraum aus zugänglich und kann durch einen Vor­hang abgeteilt werden. Auf der linken Seite befindet sich ein Durchgang zur Sakristei.

Ein Glockengeläut verkündet den Beginn der liturgischen Handlung. Der Abt erscheint in einem goldnen Gewand und einer dunklen Spitzenhaube, die seinen Kopf bedeckt. Ihm folgen ein weiterer bärtiger Priester und drei Diakone, die beim Gottesdienst assistieren. Als die Geistlichen sich in der Mitte des Kirchenraumes  mit Blick  zum Muttergottesbild über dem Altar aufgestellt haben und der Abt auf seinem Stuhl Platz genommen  hat, beginnt der Frauenchor zu singen.

Es ist, als ob der ganze Raum sich verwandelte, so überirdisch schön klingen die Stimmen in ihrer Klarheit und Reinheit. Sie schweben über  den Anwesenden und füllen das ganze Gewölbe mit ihrem Zauber.

Es erklingt ein melancholischer Klagegesang mit vielen kleinen Terzen, Melismen, Koloraturen, eine Art Lamentation, die abwechselnd von einer Solistin und dem ganzen Chor dargeboten wird. Die christliche armenische Kirchenmusik scheint so gar nicht dem westeuropäischen tonalen Sys­tem, den bekannten Melodietypen und rhythmischen Modi zu ähneln. Sie erinnert eher an orientalische und in geringerem Maße an russisch-ortho­doxe Musik. Die Melodien scheinen sehr einfach gebaut, der Tonraum übersteigt selten die Oktave. Es handelt sich um rezitativisches Singen und Psalmodieren, hin und wieder mit dem abschließenden Jubel eines Hallelujah. Der mehrstim­mige Gesang des Frauenchors wird ergänzt durch antiphonisches, einstim­miges Singen der Priester. Die rauen Organe der Männer bilden einen starken Kontrast zu den engelgleichen Stimmen der sieben jungen Frauen. Obgleich die Sprache der Liturgie das  Altarmenische ist, kann man immer wieder  die Wörter Kyrie, Christos und Amen unterscheiden. Geheimnisvolles vollzieht sich nach nicht enträtselbarem Ritus  hinter dem immer wieder geöffneten und ge­schlossenen Vorhang. Man hat das Gefühl auf einer Zeitreise zu sein und einer Zeremonie beizuwohnen, die jahrhundertealt sein muss. Es ist kaum möglich, bei all dem Gesang und dem üppig verströmten Weihrauch  sich der immer mystischer werdenden Stim­mung zu entziehen. Dazu trägt auch das Licht bei, das durch das kleine Rundbogenfenster einfällt und dem Gang der Sonne folgend durch den Raum wandert.

Der Abt sitzt lange bewegungslos auf seinem Stuhl und gibt nur hin und wieder ein Zeichen. Später verlässt er ohne ersichtlichen Grund den Kirchenraum. Der zweite Priestermönch und die Diakone in ihren gestickten Filzschuhen zelebrieren, rezitieren, singen. Die gläubigen Besucher  nehmen passiv teil, kommen und gehen. Kaum jemand außer Chor und Zelebranten bleibt während des ganzen Gottesdienstes im Kirchenraum.

Die Struktur der Messe ähnelt der katholischen Messfeier mit Gloria, Credo, Sanctus und Kom­munion. Zum Sanctus erklingen  kleine Glöckchen, die an einem tellerförmigen Schild befestigt sind. Bei der Kommunion wird das Brot gebrochen. Jeder, der möchte, kann ein Stückchen vom ungesäu­erten Fladen kosten, auch die fremden Besucher. Nach über zwei Stunden geht die Liturgie zu Ende mit einem erstmals freudigen Gesang. Dies muss das „Ite missa est“ sein. Die noch ver­bliebenen  Teilnehmer am Gottesdienst und die neu Hinzugekommenen gehen einzeln nach vorne, bekreuzigen sich  und küssen ein Buch, das ihnen der Mönch entgegenhält. Dann verlassen sie rück­wärts gehend, den Blick zum Altar gerichtet, den  weihrauchgeschwängerten Raum.

Dann wird ein Toastmaster bestimmt....

Im Freien, auf dem Klosterhof warten die Menschen und die Opfertiere, vor allem  Schafe, aber auch Ziegen, Hühner, Tauben auf den Schächter. Die Tiere werden dreimal  um die Kirche geführt oder getragen, vom Mönch gesegnet und dann außerhalb der Klostermauern an einem Bach getötet. Der Schächter schneidet dem Opfertier ein Ohr ab und zeichnet mit dem Blut ein Kreuz auf die Stirn dessen, der das Tier opfert. Jenes wird anschließend im Dorf zubereitet und im Kreis der Familie und mit Freunden verspeist. Das  Fleisch muss nach alter Tradition noch am selben Tag verzehrt werden.

An einem solchen Fest teilzunehmen ist eine große Ehre.

Den Besuchern vom Partnerkloster Lorsch wird auf Einladung des Abtes eine solche Ehre zuteil. Zunächst gibt es Honigkuchen und Thymiantee im Refektorium des Klosters, anschließend beginnt das Festessen im Garten und im Haus des Chauffeurs von Abt Ghevond.

Zunächst wird das Fladenbrot Lavasch  in einem Ofen, der aus einem Erdloch im Boden eines Schuppens besteht, gebacken.. Bis das opulente Mahl auf einem langen Tisch im Haus serviert ist, lustwandeln die Gäste im Garten vor der beeindruckenden Bergkulisse des Ararat. Inzwischen hat die Frau des Chauffeurs das Essen angerichtet, das natürlich mit einem Gebet des Abtes beginnt. Dann wird ein Toastmaster bestimmt, dessen Aufgabe es ist, vor, während und nach dem Essen gemäß armenischer Tradition  ungezählte Toasts  und Trinksprüche anzuregen und in die rechten Bahnen zu lenken, was angesichts der Trinkfestigkeit, Vitalität und Lebensfreude des Abtes keine leichte Aufgabe ist. Der Tisch ist überladen mit armenischen Spezialitäten, mit köstlichen Salaten, frischen Kräutern, gegrilltem Gemüse, Joghurt, verschiedenen Fleischsorten, Obst und Bergen von frischem Fladenbrot. Das Essen zieht sich mit Unterbrechung durch unzählige Trinksprüche und Gesänge über Stunden hin. Es soll nicht verschwiegen werden, dass dabei  ausgiebiger Genuss von  Wodka eine überragende Rolle spielt und dass es schwierig ist, ein Ende zu finden.

Als der Bus in der Dunkelheit nach Eriwan zurück schaukelt, können gar manche nicht mehr ent­scheiden, welches die bedeutsamere Erfahrung des Tages war, das ergreifende Erlebnis der Liturgie oder das rauschende Festmahl und das hinreißende Gelage mit dem Abt des Klosters Geghard.

Ein Bericht von Elmar Ullrich.

 

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