Forschen am Kloster Lorsch – eine Herausforderung

29.09.2012

„Nichts ist so, wie es einmal schien“ so beschrieb Karl Weber den Stand der Forschungen am Kirchenfragment.

Im Rahmen des regelmäßigen Jour Fixe des Kuratoriums veranschaulichte der Direktor der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen am 29. September die neuen Erkenntnisse der Archäologen und führte anhand des metallenen Grundrisses am südwestlichen Ende der Torhalle in die aktuellen Fragestellungen ein.

Unumstritten ist es, dass es eine Kirche gegeben hat. Doch die bisher angenommene Größe ist fraglich – vor allem im Vergleich zu anderen großen Kirchen. Ähnlich verhält es sich mit den im Pflaster markierten Elementen vor der Torhalle. Für ihre Existenz als Tore haben die Forscher bisher noch keine Beweise gefunden. Und so stehen plötzlich alte Gewissheiten früherer Archäologen auf dem Kopf. Vielleicht war auch die Torhalle gar kein Tor, denn wie hätte der Kaiser auf dem Pferd durchreiten können, ohne sich den Kopf anzuschlagen? Welche Funktion die Torhalle hatte, ob sie Bibliothek oder Gerichtsstätte war oder einen zeremoniellen Ort darstellte, das ist weiterhin offen.

Ursprünglich hatten die Archäologen die Vorgabe nur Grabungen durchzuführen, die die von Friedrich Behn in den 1930er- Jahren aufgestellten Behauptungen bestätigen. Doch dann, berichtete Karl Weber, tauchte ein Fragezeichen nach dem anderen auf, und jede weitere Grabung brachte ein neues Steinchen ins Rollen. Inzwischen ist unsicher, ob das Atrium vor der Kirche so wie angenommen existierte. Als nächstes gibt die zu unterschiedlichen Zeitpunkten erstellte Ost- und Westwand des Kirchenrestes Rätsel auf, aber auch die Arkaden an der Kirchenwand. Wie die Archäologen ihren Antworten auf die Spur kommen, beschrieben Karl Weber und Dr. Katharina Papajanni anschaulich an einem zunächst geheimnisvollen Mauerrest am südwestlichen Kirchenfragment.

Sie entdeckten Überreste eines Turms und Holzkohle. Nach und nach fanden sie in Detailarbeit und mit Schriftenstudium heraus, dass die Türme absichtlich untergraben und mit Hilfe eines Feuers geplant zum Einsturz gebracht wurden. Wann und warum nicht Stein für Stein abgetragen wurde, bleibt im Dunkeln der Geschichte. „Wir wissen viel und doch nichts“, fasste  der Direktor der Verwaltung der Hessischen Schlösser und Gärten die spannende Forschungssituation im Kloster Lorsch zusammen. Ein Puzzlespiel, das die Phantasie aller fordert. Und genau diese Fragezeichen der Geschichte könnten in die zukünftigen Besucherführungen einfließen.

Karl Weber sieht sich mit seinen Kollegen als eine Generation, die nicht mehr ohne wissenschaftliche Beweise behaupten will: „so ist es gewesen“. Viele Funde sind nicht eindeutig, da müssen Zweifel und andere Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Meist können die Forscher die Ereignisse nur in eine zeitliche Reihenfolge ohne Datierung einordnen. Deshalb hoffen sie auf genauere Hinweise durch die Öffnung eines vermutlich noch unberührten Grabes im westlichen Kirchenfragment. Hierzu bedurfte es einer speziellen Genehmigung des Fachbeirates.

Die statischen Untersuchen ergaben, dass das Kirchenfragment windschief steht und die Ostwand sich so wölbt, dass der Putz außen bröckelt. Sie ist wie auch die Arkaden instabil.

Die Zukunft des Kirchenfragments

Um über die zukünftige Nutzung und Stellung des Kirchenfragments innerhalb des Klostergeländes zu entscheiden, wurden viele unterschiedliche Ansätze und Entwürfe diskutiert. Wesentlich erschien den Fachleuten, die Fernwirkung zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Dabei soll nur das sprechen, was vom Original noch vorhanden ist und so entschied man sich für eine zurückhaltende Strategie mit passendem Licht.

Folgende Schritte stehen bis zur Beendigung noch auf der Agenda: das Gerüst abbauen, das Grab erforschen und die Ostwand ab und wieder neu errichten. Sie wird aus hellen geschlemmten Ziegeln wieder aufgebaut; der bisherige Eingang wird geschlossen, da Tore im Osten in Kirchen nicht üblich waren. Ein neuer Boden wird gelegt, vermutlich in Einzelelementen, um ihn evtl. wieder öffnen zu können und die Arkaden werden statisch versteift. Ein präzise geplanter Ablauf ist notwendig, um im April 2013 fertig zu werden. Bis dahin werden auch die Bauforscher und die ihnen folgenden Restauratoren ihre Tätigkeiten abgeschlossen haben. Die Ergebnisse der Bauforscher, ihre Dokumentation und ihre Schlußfolgerungen werden in den kommenden Monaten publiziert. Doch es werden weiter Fragen offen bleiben, mit denen sich die Forschung beschäftigen wird, erklärte Karl Weber.

Renate Rein

 

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