Die Torhalle – ein Bauwerk zum Anfassen

18.08.2012

Es war heiß auf dem Baugerüst - aber das hielt die Teilnehmer des Jour Fixe zur Vorstellung der Welterbeprojekte am 18. August 2012 nicht ab.

Interessiert erstiegen, erfragten und ertasteten sie die frühmittelalterliche Torhalle und erfuhren von Frau Dr. Katarina Papajanni und Herrn Dr. Thomas Ludwig Neues zur Bauforschung an der Königshalle.

Für Frau Dr. Papajanni ist die Lorscher Torhalle mit ihren Unterschieden, vielen Einzelheiten und Ungenauigkeiten ein lebendiges und spannendes Bauforschungsobjekt. Jeder Abschnitt der Torhalle wurde von ihr bis ins kleinste Detail fotografisch dokumentiert und im Maßstab 1:10 gezeichnet. So entstand auch eine Art Kartografie der verschiedenen Mörtelmischungen in den Fugen bis auf 2 mm genau.

Aus diesen Skizzen heraus ersehen die Forscher, dass größtenteils der ursprüngliche „Kalkspatzen“, das ist der karolingische Mörtel aus Kalk, Sand und Wasser (teilweise mit Holzstückchen gemischt), noch vorhanden ist.  Andere Mischungen stammen aus den verschiedenen Restaurierungsphasen z.B. aus dem Jahre 1935; später folgt gotischer Mörtel. 1956 wurde  mit Zement verbessert. Das ist heute nicht mehr üblich - der harte Zement verursacht in Verbindung mit Frost- und Tauwechsel schwere Schäden in porösen Bausteinen. 

Allein 1.200 Stück von den weißen dreieckigen Kacheln haben die mittelalterlichen Baumeister herstellen lassen. Aufgrund dieser Produktionsleistung vermutet Dr. Ludwig, dass viele Arbeiter beschäftigt waren und sie sich sicher Gedanken über Arbeitserleichterungen gemacht haben. „Damals gab es halt noch keinen Baumarkt“.

Aufgabe der Forscher ist es, einzelne Bauphasen und die verwendeten Techniken zu rekonstruieren. Dazu entnehmen sie lockere Steine - und fanden beispielsweise auf der Rückseite der mittelalterlichen Kalksteine feine Rillenstrukturen: ein Indiz dafür, dass die für die Lorscher Torhalle verwendeten Kalksteine gesägt wurden. Der Sandstein jedoch wurde gebrochen und er stammt wahrscheinlich aus unterschiedlichen Gegenden. Analysen vom Institut für Materialforschung in Mainz werden darüber mehr Aufschluss geben.

Frau Dr. Papajanni kennt inzwischen jede einzelne Kachel der Torhalle. Sie hat sie alle gezeichnet und mit einem Buchstaben und einer Nummer zur Wiedererkennung versehen. Erst mit Hilfe ihrer Detailskizzen sieht sie vieles, was von unten mit dem bloßen Auge nicht erkennbar ist und kann so abschätzen, was bei der Erbauung entstand und was zu einem späteren Zeitpunkt. Alle Unterschiede und Unregelmäßigkeiten, die vom Boden aus nicht erkennbar sind, geben ihr Hinweise.

An vielen Stellen zeigt sich, so Dr. Ludwig, dass den Bauherren die Errichtung des Bauwerks wichtig war. Rätselhaft sind die Unterschiede der zwei Kapitellarten. Die unteren waren vermutlich einmal Vollkapitelle und wurden geteilt. Lagen die damals einfach so herum und man hat sie dann geteilt und verbaut? Die Materialbeschaffung war schließlich teuer. Aber die oberen 20 Kapitelle wurden sehr sorgfältig und speziell herausgearbeitet, was man an den fein gearbeiteten, regelmäßigen Voluten erkennt.

Alle Besucher konnten an diesem Samstag die Unterschiede im Mauerwerk selbst ertasten. Es entwickelte sich eine rege Diskussion: Wo standen die Bauarbeiter, woher stammte der Mörtel, wurden Schnüre gespannt, wie konnte dieses Baukunstwert Stück für Stück entstehen oder soll man kaputtes wegwerfen oder restaurieren?

Am Ende  weistFrau Dr. Papajanni auch auf die enorme Leistung der drei Restauratorinnen hin. Sie entfernen den Zementschleier über allen Kacheln und schleusten durch die kleinen im Bauwerk sichtbaren grünen Schläuche Schaummörtel ein, um die großen Hohlräume im bis zu 60 cm tiefen Mauerwerk zu schließen. Schließlich soll die hier an der Torhalle geleistete Arbeit wieder um die 60 bis 70 Jahre bestand haben. Im Herbst wird das Gerüst entfernt und die Farben der Torhalle leuchten wieder frisch.

Mit dieser Führung an der Torhalle startete der zweite Zyklus der Informationsspaziergänge. Weiter geht es am 29. September mit aktuellen Informationen zum Kirchenfragment durch Herrn Karl Weber (Direktor Verwaltung Schlösser und Gärten, Hessen).

Renate Rein

 

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