Die digitale Wiedergeburt des Klosters

08.12.2010

Prof. Dr. Manfred Koob und "Architectura Virtualis"

Der gebürtige Heppenheimer Prof. Dr. Manfred Koob von der TU Darmstadt ist im Frühjahr 2011 überraschend gestorben. Er war ein großer Freund des Kuratoriums. Mit seinen digitalen Rekonstruktionen vergangener Weltkulturdenkmäler setzte er weltweit Maßstäbe, ja, er war der Pionier auf diesem Gebiet. Sein Traum war es, seinen Nachlass eines Tages in eine in Lorsch am Ort des Weltkulturdenkmals angesiedelte "Architectura Virtualis" einzubringen. Quasi als Außenstelle der TU Darmstadt stellte er sich eine sich selbst tragende kommerzielle Projektentwicklungsgesellschaft für digitale Rekonstruktionen, einen "Show-Raum" für die Besucher der Welterbestätte und einen Art "TÜV" für digitale Konstrukrionen von Weltkulturdenkmälern vor. Leider fand diese Idee, warum auch immer, bei den Verantwortlichen für die Welterbestätte keine ausreichende Resonanz und wurde auch nicht in das Investitionsprogramm aufgenommen.

Sein letzter öffentlicher Auftritt war bei der Weihnachtsfeier des Kuratoriums 2010, wo er nochmals für seine Arbeiten und Ideen warb. Das Kuratorium unterstützte die Idee einer "Architectura Virtualis" und ist bestürzt über den frühen Verlust eines Freundes.
Im folgenden finden Sie den Artikel im "Bergsträßer Anzeiger" über den letzten Vortrag von Prof. Manfred Koob:

 

Prof. Manfred Koob referierte über die virtuelle Rekonstruktion alter Mauern

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Lorsch/Bensheim. Das Kloster Lorsch ist verschwunden. Wer das Unesco-Weltkulturerbe besucht, findet lediglich einen kärglichen Rest von Kirche und Torhalle. Von der großen Klosterstadt ist nichts mehr zu sehen. Um das Unsichtbare erlebbar zu machen und den Komplex perspektivisch auszuleuchten, hat der Architekturprofessor Manfred Koob vor gut zehn Jahren ein Projekt beendet, bei dem das Kloster als dreidimensionale Rekonstruktion im Computer wiederauferstanden ist. Die digitale Retrospektive ist als Dauerexponat im Museumszentrum zu sehen.

Arbeit an den Details

"Das Kloster ist als Gesamtensemble fertig konstruiert. An den Details wird weiter gearbeitet werden müssen", erklärt Koob den Stand der Dinge. Der gebürtige Heppenheimer und Lehrstuhlinhaber für Informations- und Kommunikationstechnologie an der Technischen Universität Darmstadt informierte jetzt in Bensheim über die Fortschritte der virtuellen Aufarbeitung vergessener Architektur.

Rahmen war die Weihnachtsfeier des Kuratoriums Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch in der Villa Medici, wo zahlreiche Gäste die Ausführungen des Experten hörten.

Als Koob mit seinem Team das Lorscher Projekt abgeschlossen hatte, war das Kloster noch nicht als Weltkulturerbe aufgenommen worden. Mitte der 90er Jahre wurde es von Paul Schnitzer angeregt, der maßgeblich zur Gründung des Museumszentrums beigetragen hatte. Schon damals konnte Koob auf einige Erfahrungen im Bereich virtueller Rekonstruktion zurückgreifen: Vor über 20 Jahren beschäftigte er sich mit der Animation der Kathedrale von Cluny in Burgund. Damit hatte sich der Architekt auf das Gebiet der Geschichtsforschung und Archäologie gewagt - und dafür auch Skepsis und Kritik gehört, wie er in Bensheim erläuterte.

Danach folgten zahlreiche international beachtete Großprojekte, die Koob mit der Gesellschaft "Architectura Virtualis" in enger Kooperation mit der TU realisiert hat: die Vatikanischen Paläste, die Kaiserpfalz in Aachen sowie etliche Bischofskirchen, zerstörte Synagogen und antike Stätten.

Gute Bedingungen in Lorsch

Lorsch bezeichnete der Professor als Glücksfall. Seit dem 30-jährigen Krieg wurde das Klostergelände nicht überbaut. Darüber hinaus existiert ein Merian-Stich, der eine Ansicht der damaligen Klosterstadt zeigt.

Auf dieser Grundlage fußt ein Großteil der wissenschaftlich-technischen Arbeit der IT-Fachleute. "Jede Rekonstruktion ist eine Hypothese", betonte Koob, der mit seinem Team durch umfangreiche Recherchen und Verifizierungen vorhandene Daten immer mehr verdichtet hat. Koob sprach von einer Fusion des Wissens. Auf diese Weise überlagern sich Realität und Virtualität mit dem Effekt einer maximalen Annäherung an die historische Wirklichkeit.

Aus dem Datenmaterial wurde ein sogenanntes Schnurgerüst erstellt, das die wesentlichen Dimensionen der Gebäude abbildet. Dieses Computermodell kann perspektivisch gedreht werden und ermöglicht so eine dynamische Verwendung aller Elemente. Auf dieser "digitalen Baustelle" kam auch ein Georadar zum Einsatz, das durch elektrische Signale in bis zu fünf Metern Tiefe den Untergrund reflektieren kann. Experten konnten die so gewonnenen Bilder analysieren und ein räumliches Modell der Klostertstadt entwerfen, das erstaunliche Symmetrien mit dem Merian-Stich offenbarte.

"Man erkennt einen hohen Identifikationsgrad", betonte Manfred Koob, der nach diesem Erfolg noch einen Schritt weiter gegangen ist: Mit Hilfe eines strukturellen Urplans aller Benediktinerklöster - dem Plan von Sankt Gallen - hatten die Forscher eine architektonische Blaupause aus dem 9. Jahrhundert zur Verfügung. Auch das modellhafte Organigramm zeigte sich in Grundzügen deckungsgleich mit der Rekonstruktion des Klosters Lorsch und erlaubte wichtige proportionale Korrekturen in den Details des Computermodells.

Für den Architekturprofessor ist der Bereich der virtuellen Baukunst ein wichtiges Stück Gedächtniskultur, das durch die Nutzung neuer Medien grandiose Möglichkeiten zur Aufarbeitung der Vergangenheit bietet.

Die Rekonstruktion und Simulation zerstörter, ja sogar niemals realisierter Gebäude und Städte, liefert elementare Grundlagen für die Geschichtsforschung und kann auch die Biografie der Lorscher Abtei in ein helleres Licht rücken. Damit das "verschwundene Kloster" langsam wieder auferstehen kann.

Kuratoriumsvorsitzender Ernst-Ludwig Drayß dankte Koob für dessen Ausführungen. Bereits Ende der 90er Jahre hatte sich das Kuratorium dafür ausgesprochen, in Lorsch eine Außenstelle von Architectura Virtualis einzurichten. Ohne Erfolg.

 

Bergsträßer Anzeiger, 08. Dezember 2010

 

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